Richtig digital

Für Eltern sind die digitalen Medien nicht nur eine Herausforderung, sondern schnell auch eine Überforderung. Während sie selbst noch auf der Suche sind nach einer gesunden Balance zwischen online und offline, ziehen die Digital Natives an ihnen vorbei. Sandra Cortesi vom Berkman Klein Center for Internet and Society der Harvard-Universität über eine erfolgreiche Medienerziehung im Spannungsfeld zwischen elterlicher Vorbildfunktion und eingeschränktem Wissensvorsprung.

Veranstaltung zur digitalen Medienbildung mit Sandra Cortesi
Partner: Elternrat der Schule am Wasser Mein Beitrag: Idee und Organisation | Flyergestaltung

Wieviel Bildschirmzeit ist zu viel? Sind Ballergames wirklich so schlimm? Einmal im Web, immer im Web – wie sensibilisiere ich mein Kind für seine Privatsphäre? Und weshalb sind Influencer eigentlich die neuen Teenie-Stars? Die Fragen, die sich Eltern stellen, wenn es um den Umgang ihrer Kinder mit den digitalen Medien geht, sind vielfältig. Doch im Vordergrund stehen meist die Gefahren des Internets sowie die Sorge um die Anziehungskraft von Bildschirmen und Konsolen.

Auf die Vorteile fokussieren
Ganz anders bei Sandra Cortesi, Direktorin des Projekts «Youth and Media» am Berkman Klein Center for Internet and Society der Harvard-Universität. Sie fokussiert auf die Chancen der digitalen Welt und sucht in enger Zusammenarbeit mit Jugendlichen nach innovativen Wegen, mit den Herausforderungen umzugehen.

Sandra Cortesi (36) ist Direktorin des Projekts «Youth and Media» am Berkman Klein Center for Internet and Society der Harvard-Universität und leitet die Zusammenarbeit des Centers mit der Unicef. Zurzeit wirkt sie in der Schweiz beim Aufbau des Youth Lab von «20 Minuten» mit. Sandra Cortesi studierte Psychologie an der Universität Basel.

Ihre positive Herangehensweise ist auch der Grund, weshalb sich an diesem Abend im März eine Gruppe von Eltern in der Bibliothek der Schule am Wasser in Zürich versammelt hat. Auf Einladung des Elternrats hat sich Sandra Cortesi kurzfristig bereit erklärt, ihren Aufenthalt in der Schweiz mit einem Besuch an der Schule zu verknüpfen. Das Ziel: Den Eltern einen Einblick geben, wie sich die heutige Mediennutzung von Kindern und Erwachsenen unterscheidet. Vor allem aber möchte sie konkrete Tipps geben für einen konstruktiven Umgang mit den digitalen Technologien im Familienalltag.

Gemeinsam Erfahrungen sammeln
Im Laufe des Abends öffnet sie den Blick, wie spielerisch Eltern und Kinder ihren Medienkonsum gemeinsam pflegen und reflektieren können. Und das Beste daran: Egal ob die Eltern mehr oder weniger digitales Medienwissen mitbringen, für alle ist etwas dabei. Ein paar Beispiele:

  • Eröffne einen Familienaccount bei Instagram.
    Anstatt mit erhobenem Zeigefinger zu predigen, was dein Kind in den sozialen Netzwerken darf, soll und muss, könnt ihr als Familie gemeinsam Erfahrungen sammeln, was auf Instagram gehört und was lieber nicht. Welche Interessen hat deine Familie – Camping-Reisen, Bastelarbeiten oder Dessertträume –, und wie können diese attraktiv dargestellt werden? Wieviel möchte dabei jeder von sich preisgeben?

  • Ordnet die wöchentliche Screentime den einzelnen Familienmitgliedern zu.
    Wer bewegt sich vor allem auf Newsseiten, wen trifft man in den sozialen Netzwerken und wer telefoniert? Was spielerisch als Screentime-Memory beginnt, führt nicht selten zu guten Gesprächen über die Verwendungszeit und Nutzungsweise des Mobiltelefons.

  • Fordere deine Kids bei einem Gaming-Turnier heraus.
    Wer hat die schnelleren Finger und die geschickteren Strategien? Ein Wochenende kommen die Kinder auf eine Wanderung, am nächsten trifft sich die ganze Familie zum gemeinsamen Gamen. Hier können die Kleinen zur Abwechslung einmal den Grossen etwas beibringen. Und vielleicht schlummert ja ein verborgenes Talent in den Eltern.

  • Erstelle gemeinsam mit deinem Kind eine Website
    Hierfür musst du einiges an Vorwissen mitbringen – oder zumindest die Neugier, etwas Neues zu lernen. Mögliche Themen: Ferienerlebnisse, Hobbys oder Lieblingstiere deiner Kinder. Die Diskussion darüber, was das Kind im Internet von sich präsentieren möchte und wie es das tut, ist ebenso wichtig, wie die Umsetzung. Bei WordPress findet ihr eine Vielzahl von Vorlagen, die ihr mit etwas Übung relativ einfach mit Inhalt füllen könnt.

Produktives Schaffen statt stiller Konsum
Die Ideen zeigen, was Sandra Cortesi besonders wichtig ist: «Je stärker die digitalen Medien dazu genutzt werden, selbst etwas zu schaffen oder seine Meinung aktiv zu vertreten und nicht einfach passiv zu konsumieren, desto mehr überwiegen die Vorteile gegenüber den Nachteilen.»

Es heisst, jede Familie sei anders, habe unterschiedliche Wertesysteme und müsse demnach auch individuelle Lösungen für den Umgang mit den digitalen Medien finden. Das stimmt natürlich, doch fehlt es den Eltern oft an Ideen und Strategien. Kein Wunder, sind sie doch auch erst dabei, ihre digitale Medienkompetenz auszubilden, und können kaum auf erzieherische Vorbilder aus ihrer Kindheit zurückgreifen. Umso inspirierender sind die Anregungen, mit denen die Eltern an diesem Abend nach Hause gehen.

Hast du weitere Ideen? Es würde mich interessieren, wie du und deine Kinder die digitalen Medien im Familienalltag nutzt.

> Mehr zur Arbeit von Sandra Cortesi sowie weiterführende Links finden sich auf ihrer persönlichen Website und auf der Seite des Berkman Klein Center for Internet and Society.

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